Arne Schulz –
Leibniz-Stipendium 2016

Mein Gegenüber, 77 Jahre alt, stöhnt. Auch wenn man ihm das Alter nicht anmerkt – die Hitze macht ihm zu schaffen. Schnell begeben wir uns zurück in das abgedunkelte Studio im Erdgeschoss, wo die späteren der 120 Radiofeatures des Helmut Kopetzky entstanden sind. Der Autor drückt die Leertaste auf seiner Tastatur. Der Raum füllt sich mit Urwaldklängen …

Eineinhalb Jahre zuvor. Ich sitze in einem Konferenzraum in Hannover und versuche der Jury der Sir-Greene-Stiftung meine Faszination für das Radiofeature zu erklären. Ich merke, dass ich etwas ausholen muss:

Für mich ist das Feature die Königsdisziplin im Hörfunk. Autoren reisen dafür um die ganze Welt, erzählen in 60 Minuten bewegende Geschichten. Das Format ist vergleichbar mit der Seite-3-Reportage in der Süddeutschen, mit einem Dokumentarfilm im Kino, nur dass die Autoren dabei mit Klängen arbeiten, was ich als besonders authentisch empfinde.

Das Feature ist ein Premium-Produkt, das mit besonders hohem technischen Aufwand produziert wird. Üblicherweise entsteht es in zwei Teilen. Die Autoren sammeln O-Töne und Atmos, schreiben das Manuskript. Dann übergeben sie das Projekt an einen Regisseur und zwei Tontechniker, die im Studio mit Schauspielern den Erzähltext aufnehmen, die Audios montieren und sie mischen.

Ich, junger Radioredakteur bei NDR Info und leidenschaftlicher Feature-Autor, möchte mehr über diesen zweiten Teil der Produktion erfahren. Mein großes Glück ist, dass Professor Schmidt Teil der Jury ist. Auch er ist ein großer Anhänger des Radiofeatures und steht mir fortan – ebenso wie Herr Schulz – mit seiner Erfahrung und seinen Kontakten zur Seite. So schreibt die Stiftung beispielsweise an die Intendanz des NDR und bittet den Sender darum, sich an dem Stipendium zu beteiligen. Das macht Eindruck bei meinen Chefs.

Im Herbst des vergangenen Jahres besuche ich dann das Seminar Tonbearbeitung an der Medienakademie von ARD und ZDF in Nürnberg. Der Trainer ist ein alter Hase, hat in den achtziger Jahren Informationstechnik bei der Telekom studiert. Er liefert zu den praktischen Übungen auch die theoretischen Hintergründe. Mir hilft das sehr. Ich lerne, genauer hinzuhören, störende Frequenzen zu identifizieren und meine Atmos mit Software zu verbessern. Ich lerne auch, Effekte einzusetzen und Töne zu komprimieren. Das Skript zum Seminar hat fast 100 Seiten. Ein typischer Satz darin lautet: „Ratio 2:1, Attack 50 ms, Release 10ms, die Threshold so einstellen, dass Regelwirkung bemerkbar wird.“ Das Verrückte: Ich weiß nachher tatsächlich, was das bedeutet.

Darauf aufbauend möchte ich bei einer Feature-Produktion im Studio hospitieren. Ich spreche mit dem Leiter der Feature-Abtteilung des rbb, Professor Schmidt hat den Kontakt vermittelt. Er ist es auch, der einen Brief an Helmut Kopetzky verfasst, einen der ganz großen Feature-Autoren der vergangenen Jahrzehnte. Schließlich lädt mich der Altmeister ein, bei seiner allerletzten Produktion zu hospitieren. Im August dieses Jahres besuche ich ihn in seinem Haus in Fulda.

In seinem Stück geht es um einen Feature-Autor, der Anfang der achtziger Jahre an den Amazonas reist, um über Rodungen und die Vertreibung von Ureinwohnern zu berichten. Der Autor, Matthias von Spallart, nutzt dafür die gerade erst entwickelte Kunstkopftechnik, die dreidimensionale Aufnahmen ermöglicht. Doch am Ende scheitert von Spallart an dem ehrgeizigen Projekt und wählt den Freitod. Es ist eine ebenso dramatische wie faszinierende Erzählung, über die ich mit Helmut Kopetzky stundenlang diskutiere.

Postproduktion in Hamburg: links hinten Arne Schulz, in der Mitte Regisseur und Autor Helmut Kopetzky, dazu Tontechniker, Toningenieur und Redakteurin

Mitte September sehen wir uns in Hamburg wieder. Ich hospitiere eine Woche lang bei der Postproduktion im NDR. Kopetzky führt Regie, ich sitze direkt neben ihm und schaue ihm über die Schulter. Es ist eine lehrreiche Woche, die mich motiviert und mir auch neue Türen öffnet. Denn Kopetzky vermittelt mir den Kontakt zu Peter Leonhard Braun, einer Legende in der Feature-Szene. Braun wiederum nennt mir Redakteure, an die ich mich mit einem Projekt über Staatenlosigkeit wenden kann …

Das Stipendium der Sir-Greene-Stiftung hat also vieles in Bewegung gesetzt und meine Leidenschaft für das Format noch vertieft. Dafür möchte ich der Stiftung und insbesondere Professor Schmidt und Herrn Schulz herzlich danken!