Stipendiaten antworten

04.08.2016
Heiko Randermann

Redakteur
Hannoversche Allgemeine Zeitung
Internationales Medien-Stipendium
2002
08.09.2016
Marina Kormbaki

Hauptstadtkorrespondentin
Madsack Mediengruppe
Internationales Medien-Stipendium
2015
Wie hat Ihnen das Stipendium bei Ihrem beruflichen Weg geholfen?
Meine Zeit bei der BBC in London hat mir einen weiten Blick über den Tellerrand ermöglicht und mir gezeigt, welche Möglichkeiten eine weltumspannende News-Organisation wie die BBC hat. Gleichzeitig habe ich dort auch noch einmal gelernt, dass der Kern eines guten Journalismus auf allen Ebenen und bei allen Medien derselbe ist: sorgfältige Recherche, Kontakt zu den Menschen, Gespür für Themen. Auch ein halbes Jahr nach meiner Recherchereise durch die Türkei und Griechenland zehre ich beinah täglich von den Erfahrungen, Erkenntnissen und Kontakten, die ich auf der Reise sammeln durfte. Der Zuzug vieler Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten stand im Fokus meines Interesses. Da dieses Thema gewiss nicht zu jenen zählt, das schon bald Geschichte sein werden, bin ich mir sicher, dass die Eindrücke der Recherchereise noch lange nachhallen und mein berufliches Tun prägen werden: die Auswahl meiner Themen, Gestaltung meiner Texte, mein journalistisches Selbstverständnis.
Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?
Das hat weniger mit dem Stipendium zu tun, aber der Arbeitsalltag hat sich natürlich verschoben und verschiebt sich noch. Als ich zur BBC ging, war ich Teil eines Blattmacher-Teams, danach wurde ich politischer Reporter, der ich noch heute bin. Die stärkste Veränderung hat in dieser Zeit aber der zunehmende Einfluss von Online gebracht – und das wird sich fortsetzen. Ich persönlich finde das sehr spannend. Der Wandel der Branche findet im beruflichen Alltag seinen Niederschlag: Elektronische Medien und die Präsenz der eigenen Arbeit im Netz erlangen einen immer größeren Stellenwert. Zudem bleibt auch die zunehmende, zunehmend auch offen und offensiv kommunizierte Skepsis und Ablehnung vieler Menschen gegenüber journalistischer Berichterstattung („Lügenpresse!“) nicht ohne Folgen. Manchmal denke ich die erboste Leserpost beim Verfassen eines Textes gleichsam mit, zumal dann, wenn er von Solidarität und Mitmenschlichkeit gegenüber leidenden Menschen handelt. Ich ertappe mich dann dabei, wie ich ganz besonders nachvollziehbar und faktenfokussiert argumentieren möchte – was den Text eigentlich nur besser machen kann.  Seit einem Jahr arbeite ich nun als Hauptstadtkorrespondentin des RedaktionsNetzwerks Deutschland, bin also tagtäglich im politischen Berlin unterwegs, den Spreebogen rauf und runter. Für jemanden, der seit frühester Jugend verstehen wollte, wie Politik funktioniert, wovon Macht abhängt und wie Loyalitäten geschaffen werden, ist das bestimmt der richtige Ort. Zu meinen Interessensschwerpunkten zählt europäische Politik – und hier vor allem die Frage, was Europa im Innersten zusammenhält oder auch nicht. Ich denke, dass ich der Antwort als Journalistin in Berlin besonders nah kommen kann.
Die Mediennutzung verändert sich mehr und mehr. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein: Welche Rolle spielen die herkömmlichen Medien künftig noch?
Das Nachrichtengeschäft wird sich auf noch mehr Kanäle verteilen, es wird persönlich passgenauere News für jeden geben, wir werden besser gelernt haben, mit der Schnelligkeit von Online auf der einen Seite und dem Bedarf nach tiefergehenden Reportagen und Analysen auf der anderen Seite umzugehen und zu entscheiden, wann welche Form angemessen ist. Die Grenzen zwischen Text, Bild und Audio werden verschwimmen. Ich persönlich glaube, dass die alten Marken – egal ob Zeitung, Magazin oder öffentlich-rechtlicher Sender – auch im neuen Nachrichtengeschäft die ersten Adressen für gute, saubere News sein werden. Es sind aber noch nicht alle Geschäftsmodelle der Zukunft gefunden worden – das wird noch eine spannende Arbeit. Der Kern guten Journalismus‘ wird aber immer noch saubere Recherche, direkter Kontakt zu Menschen und Gespür für Themen sein. Papier ist geduldig, heißt es ja immer, und das gilt wohl auch für das nun so lange schon besungene Ende des Printjournalismus. Derweil wird die Entwicklung von Online-Angeboten in immer rascherem Tempo voranschreiten. Immer mehr in immer kürzerer Zeit. Das wird den Druck im Alltag womöglich erhöhen – aber es birgt auch eine Chance für klugen, ausgeruhten, analytischen Journalismus, der die flirrenden Informationsatome überhaupt erst zueinander in ein Verhältnis setzt und verständlich macht. Und trotz aller Schlagzeilengetriebenheit: Solange es Menschen gibt, wird es auch das Bedürfnis nach gut erzählten Geschichten vom wahren Leben geben. Ob die nun auf herkömmlichem Wege, auf Papier, ihren Weg zu den Lesern finden oder auf dem Bildschirm oder als Netzhautprojektion, ist vielleicht gar nicht so wichtig.
Spekulieren Sie mal mutig! Wie sieht Ihre Arbeit wohl in 5 Jahren aus?
Alle diese Änderungen werden auch meinen Job betreffen. Das ist an sich wohl keine mutige Vorhersage – aber diese Veränderungen werden von uns allen ein wenig Mut einfordern. Wichtige Themen, Zeit für Recherche, kluge Kollegen – so ist es jetzt, und so kann es bleiben. Vielleicht mit insgesamt etwas mehr Gelassenheit, branchenweit.
Und noch drei wesentlich leichtere Fragen:  Wie steht es mit dem Kontakt zu anderen Stipendiatinnen und Stipendiaten?
Man sieht sich hier und da, aber es gibt keine regelmäßigen Treffen. Zu einigen Stipendiatinnen habe ich guten Kontakt. Wir kennen uns seit Längerem, aus beruflichen Zusammenhängen.
Würden Sie an einem jährlichen Treffen teilnehmen (können)?
Das könnte ich mir wohl vorstellen. Das ist eine sehr schöne Idee und ja: Ich würde sehr gern zu den Treffen kommen.
Welche Vorschläge haben Sie für die Gestaltung eines Stipendiatentreffens?
Abends, eventuell mit einem Essen, unkompliziert. Als Programmpunkt könnte ich mir einen kurzen, interessanten Vortrag aus der Medienbranche vorstellen. Wichtig wäre wohl eine möglichst frühzeitige Einladung. Der Abend selbst muss gar nicht aufwendig gestaltet sein. Irgendwo – in einer kleinen Kneipe vielleicht oder einer Bar -, wo man bei einem Getränk nett stehen und zwanglos das Gespräch zu möglichst vielen Teilnehmern suchen kann.