Patrick Hoffmann –
Sonderpreis 2015

ard-studio_kairo_800pxIch hatte alles organisiert. Die Anreise mit dem Geländewagen von Tunis nach Sidi Bouzid, quer durch karge Landschaften und abgelegene Dörfer. Den Dolmetscher, einen netten Tunesier, der einst in Frankfurt gelebt hatte und der mir bei meinen Interviews vor Ort helfen sollte. Und die Gesprächstermine mit Mitarbeitern einer deutschen Hilfsorganisation, die mir erklären sollten, wie sich das Land denn nun verändert hat seit der Revolution im Frühling 2011.

Nur den örtlichen Polizeichef, den hatte ich nicht auf dem Zettel gehabt.

Und so saß ich jetzt also, nach fünf Stunden Autofahrt und einem viel zu kurzen Spaziergang durch die Stadt, in einem kleinen Zimmer der Polizeistation von Sidi Bouzid, ohne Reisepass, ohne Presseausweis und ohne einen Funken Ahnung, was ich eigentlich verbrochen hatte. Eine Streife hatte mich unterwegs angesprochen und sogleich meine Papiere einkassiert. Und mich gleich mit.

Ich wurde in ein kleines Nebenzimmer der Polizeistation gebracht. Mein tunesischer Dolmetscher hockte gleich neben mir. Er übersetzte mir die wenigen Sätze, die die Polizisten auf Arabisch wechselten. Ich schaute immer wieder auf die Uhr. Es war kurz vor 12 Uhr. In drei Stunden wollte ich wieder im Geländewagen sitzen, damit ich vor Einbruch der Dunkelheit zurück in Tunis sein würde. Nachts, hatte mir ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft bei meinen Reisevorbereitungen gesagt, sei es im Süden des Landes zu gefährlich für einen Europäer.

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Bouazizi-Plakat in Sidi Bouzid

Noch aber schien die Sonne über Sidi Bouzid, dieser tunesischen Kleinstadt, die im Dezember 2010 plötzlich weltberühmt geworden war. Der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi hatte sich hier selbst angezündet. Aus Verzweiflung über seine wirtschaftliche Lage und aus Protest gegen Polizeiwillkür. Bouazizis Selbsttötung hatte erst Proteste in Tunesien, dann in der gesamten arabischen Welt ausgelöst. Es war der Beginn des Arabischen Frühlings, der die Menschen auf die Straßen trieb und die Diktatoren in Tunesien, Ägypten, Libyen und dem Jemen nacheinander aus dem Amt fegte.

Was aber ist von der Revolution geblieben? Wie geht es den Menschen heute? Hat sich ihre Lage verbessert? Oder hat sie sich gar verschlechtert?

Diesen Fragen wollte ich nachgehen. Deshalb bin ich für vier Wochen von Hannover aus losgezogen, zunächst nach Tunesien, dann nach Ägypten. Unterstützt von der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung des Presse Club Hannover, die mir den Sonderpreis verliehen hatte, verbunden mit einem Stipendium. Vielen Dank an dieser Stelle, denn nur so war es mir möglich, Land und Leute für meine Berichte besser kennenzulernen, mir Zeit für sie zu nehmen.

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Leerer Souk in Hammamet

Ich unterhielt mich mit Taxifahrern in Tunis, trank Tee mit Souvenirhändlern im verlassenen Badeort Hammamet und schaute Fußball mit enttäuschten Jugendlichen. Nicht immer waren die Themen nur politisch. Für den Sport zum Beispiel traf ich mich mit Habiba Ghribi, die bei den Olympischen Spielen 2012 die erste Goldmedaille für Tunesien gewonnen hatte. Und in Sfax zeigte mir ein junger Unternehmer, wie er mit Brillen aus Holz den Weltmarkt erobern möchte.

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Blick auf Kairo

Nach zwei Wochen reiste ich weiter nach Kairo, um mich auch dort über die Lebensbedingungen im postrevolutionären Ägypten zu erkundigen. Ich traf Menschenrechtsaktivisten und Sportler, Medienschaffende und Muslimbrüder. So entstanden eine Reihe Artikel, die alle in den Zeitungen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) erschienen. An dieser Stelle vielen Dank an das ARD-Studio in Kairo, das mich in meiner Zeit am Nil bei sich aufnahm und mir bei der Recherche half.

Übrigens: Der Polizeichef von Sidi Bouzid bestellte mich nach einer Stunde Warten dann doch endlich in sein Büro. Er steckte sich eine Zigarette an und begann seine Befragung. Wo kommen Sie her? Was machen Sie hier? Wer ist Ihr Arbeitgeber? Ich musste alles auf ein Blatt Papier schreiben. Patrick Hoffmann. Arbeiten. RedaktionsNetzwerk Deutschland. Er las sich alles durch, setzte einen Stempel unter das angerissene Blatt Papier und sagte: „Okay, jetzt können Sie sich frei in Sidi Bouzid bewegen.“ Ich nickte höflich.

Dann ließ er mich gehen. Und ich konnte doch noch meine Reportage über die enttäuschten Revolutionäre von Sidi Bouzid schreiben.